DIE SPUREN VON GESTERN VERWISCHT DER SAND VON HEUTE

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Wer einen einfachen Beruf ausüben möchte, wird sicherlich nicht Fischer. Das ist heute so und war vor 100 Jahren nicht anders. In dieser Zeit hat sich allerdings – abgesehen von der harten Arbeit – viel in der Fischerei getan. Weit ist man gekommen, seit in Niendorf die Boote am Strand anlandeten.

Dass Niendorfer vor ihrer eigenen Haustür fischen durften, war erst ab 1817 erlaubt. Zuvor hatten sie gegenüber den Fischern aus Lübeck das Nachsehen. Waren die Fischer zunächst noch im Nebenerwerb unterwegs, änderte sich schnell das Bild. Neben Angel-, Reusen-, und Stellnetzfischerei wurde hier auch die Wadenfischerei betrieben. Einen Hafen gab es zunächst nicht.

Daher landeten kleinere Boote direkt am Strand an, größere ankerten im Wasser. Jeder Fischer hatte einen eigenen Steg, an dem das Boot anlegen konnte. An steinfreien Stellen ließ man die Boote direkt auf den Strand auflaufen. Frauen und Kinder brachten den Fang in Körben an Land und sortierten ihn auf Tischen nach Art und Größe. Hier wurde der Fisch auch direkt weiterverarbeitet und verkauft. Nicht immer konnte der komplette Fang verkauft werden.

Einige Fischer erbauten daher Lagerhäuser mit Eisräumen, um die Ware länger haltbar zu machen. Die Netze wurden derweil am Strand auf Hang- und Netzstützen zum Trocknen gelegt. Das sorgte insbesondere bei höheren Temperaturen für einen unangenehmen, wenn auch typischen Geruch.

Ein Geruch, an dem sich zunehmend Menschen störten. Denn die Seebadkultur war von Großbritannien bis an die Ostsee geschwappt, und die Badegäste nahmen den Strand Stück für Stück für sich ein. Schnell wurde der kleine Ort zu einem der bedeutendsten Badeorte der Gegend.

Badespaß statt harter Arbeit – die Seebadkultur brachte Gäste und Kaufkraft nach Niendorf.

Zwar gab die Strandfischerei dem Ort ein authentisches Flair, das die Gäste zunächst anzog. Doch mit der Zeit zeigte sich zumindest die Fremdenverkehrswirtschaft kritisch und hatte Angst vor sinkenden Gästezahlen. Nur wenige Jahre nachdem die Niendorfer überhaupt in der Lübecker Bucht fischen durften, sollten sie wieder verschwinden.

Das ging allerdings nicht ganz ohne Widerstand seitens der Fischer. Eine Alternative musste her, die den Fischern nicht nur Platz, sondern auch mehr Sicherheit für ihre Schiffe bot. Denn am Strand wurden die Schiffe häufig Stürmen ausgesetzt und beschädigt. 1920 begann daher der Bau eines Hafens, der schon zwei Jahre später fertiggestellt war. Der Hafen erleichterte die Arbeit der Fischer.

Die Schiffe mussten nicht mehr mühselig den Strand hochgezogen werden, und auch die festen Liegeplätze boten wesentlich mehr Sicherheit. 1907, also 90 Jahre, nachdem es auch den Niendorfern erlaubt war, in der Lübecker Bucht zu fischen, gründeten 40 Fischer den Verein Niendorfer Fischer. Mitte der 1950er Jahre war der Verein bereits auf 90 Mitgleider sowie 50 größere Kutter und Boote angewachsen, die im Hafen festmachten.

Der Zuwachs ließ sich auf Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die ebenfalls Fischer waren, zurückführen. Die Niendorfer Fischerei war umtriebig wie nie, rund 5.000 Tonnen Fisch wurden jährlich angelandet. Doch in den darauffolgenden Jahren ging die Einführung von Fangquoten auch nicht an den Fischern in Niendorf vorbei. Boote wurden verkauft oder gar stillgelegt.

Heute zählt der Verein noch weniger Mitglieder als zur Gründung: 27 Mitglieder. Nicht ganz die Hälfte von ihnen ist noch als Fischer aktiv. Von den einst 5.000 Tonnen Fisch kann man heute nur noch träumen. Jährlich werden heute nur noch 110 Tonnen angelandet.

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